Umgang mit zu großer Last - eine Geschichte aus der Praxis

Paula kommt in meinen Praxisraum. Wie immer zuvorkommend und freundlich lächelnd begrüßt sie mich. Als wir uns gegenübersitzen und ich sie frage, wie es ihr geht, steigen ihr die Tränen in die Augen. Sie ist niedergeschlagen. Während der letzten Wochen war sie viel unterwegs und immer unter Leuten. Seit dem letzten Wochenende ist sie wieder alleine zuhause und übermannt von dem Vielen, was sie niederdrückt. Alles Unglück bricht wieder über sie herein und sie hat das Gefühl darin festzuhängen.

Innere Zerrissenheit

Sie schildert den Zwiespalt und das Gefühl von innerer Zerrissenheit, das sie dann verspürt.
„Es ist“, sagt sie, „wie zwei Stimmen, die auf mich einreden: Hej, komm!, sagt die eine:  Lass uns was unternehmen! Die anderen Stimme sagt: Ach, nö. Lass mal.“
Ich frage Paula, ob es für sie interessant sein könnte, diese beiden Stimmen etwas besser kennenzulernen und zu hören, was sie uns erzählen wollen, was ihre Gedanken und Anliegen sind.
Paula stimmt zu und so schlage ich ihr vor, dass sie für jede der beiden Stimmen jeweils ein Symbol aussucht und diese auf den Teppich stellt.

Wir arbeiten mit den widersprüchlichen Stimmen

In meinem Praxisraum haben sich mittlerweile so einige Dinge angesammelt: Große und kleine Steine, Muscheln, verschiedene Kissen, Schleichtiere und Kuscheltiere, Seile und Stöcke.
Paula sucht sich zwei Schleichtiere aus: Das Nashorn und den Tiger, und stellt beide auf den Teppich.
„OK.“, sage ich, „wer ist wer?“
„Der Tiger ist die Stimme, die „Nö, lass mal“ sagt. Das Nashorn sagt: „Hej, komm!““
„Gut“, sage ich, „stehen die beiden in der richtigen Position zueinander?“
Paula betrachtet die Beiden von allen Seiten. Dann dreht sie beide Symbole so, dass sie fast parallel zueinander stehen und Richtung Fenster blicken. Sie sind etwa anderthalb Meter voneinander entfernt.

Paula fühlt sich in ihre inneren Anteile ein

„OK, Paula, welcher der beiden Stimmen fühlst du dich gerade näher? In welcher Seite bist du gerade emotional mehr drin?“
Paula, geht zum Nashorn.
Zunächst geht es darum, sich in diesen inneren Anteil ganz einzufühlen und sich mit dem eigenen Körper gut zu verbinden. Wir starten also mit den Körperempfindungen. Da Paula und ich schon eine längere Zeit miteinander arbeiten, kennt sie diese Methode und kann schnell Kontakt mit ihrem internen Nashorn-Anteil aufnehmen.
„Nimm dir Zeit,“, fordere ich sie auf: „Fühle dich erst einmal gut ein. Was nimmst du in deinem Körper wahr? Wie stehen deine Füße auf dem Boden? Ist dir kalt oder warm? Gibt es Bewegungsimpulse? Was macht dein Atem?“

Von der Körperempfindung, über die Emotionen, zur Erkenntnis

Paula schließt einen Moment die Augen. Dann sagt sie, dass sie gut und fest auf dem Boden steht. Sie kann Energie spüren und könnte sich nach draußen (der Welt) zuwenden.
Dann erforschen wir, wie es ihr emotional geht.
„Ich hätte schon Lust. Aber ich merke, ich gucke auch rüber zum Tiger. Das lässt mich ein bisschen schwer fühlen, wenn ich da so rüber gucke.“
Ihr Blick wechselt zwischen Fenster und Tiger.
„Wie ist es, Paula, möchtest du dem Tiger etwas sagen?“

Der innere Dialog bringt die Anteile miteinander in Kontakt

Sie blickt den Tiger an: „Du machst mich ganz schön schwer. Deine Schwere möchte ich nicht.“, sagt Paula aus der Position des Nashorns heraus.
„Du machst mich ganz schön schwer“, wiederhole ich: „OK, möchtest du einmal sehen, wie es dem Tiger geht, wenn er das hört?“
Paula wechselt die Position und geht zum Tiger. Wieder fordere ich sie auf, sich Zeit zu nehmen, erst einmal zu fühlen, welche Körperempfindungen sie an dieser Position hat. Dann wiederhole ich noch einmal was das Nashorn gesagt hat: „Du machst mich ganz schön schwer. Du hast das Nashorn gehört. Wie geht es dir damit?“
„Boah, ich bin selber ganz schön schwer. Ich trage so viel Last.“

Die innere Last sichtbar machen

Ich fordere Paula auf Steine für die Last, die der Tiger trägt, zu holen und neben den Tiger zu legen. Paula holt 5 bunte Glassteine und legt sie zu Füßen des Tigers.
„Was hast du da denn hingelegt?“, frage ich.
„Das ist mein Alleinsein, das ist meine Angst vor der Zukunft, das ist meine Trägheit, meine Trauer um meine Familie und das ist meine Unsicherheit.“
„Wie fühlt es sich an, wenn da jetzt die Steine um dich liegen und du die Last, die du trägst, sehen kannst?“
„Das ist ganz schön viel.“, sagt Paula aus der Position des Tigers heraus.
Ich frage sie, ob sie wieder wechseln möchte und sehen, wie es dem Nashorn damit geht.
Sie geht zum Nashorn und nimmt inneren Kontakt mit diesem Anteil in ihr auf: „Geh doch einfach von den Steinen weg,“ fordert sie ihren Tiger-Anteil aus der Position des Nashorns heraus auf.
Als sie wieder auf der anderen Seite steht und sich ihren inneren Tiger-Anteil fühlen lässt , sagt sie: „Das bringt nichts. Wenn ich hier weggehen würde, müsste ich die Steine hinter mir herschleppen. Die hängen an mir dran.“
„Hat der Tiger einen Wunsch an das Nashorn?“, frage ich.

Lösungswege erproben

„Ja.“, Paula spricht das Nashorn an: „Vielleicht könntest du mir ein oder zwei Steine abnehmen?“
Als sie wechselt, spürt sie, dass es für ihren Nashorn-Anteil ok ist, dem anderen Anteil etwas von der Last abzunehmen. Sie nimmt sich zwei der Steine.
„Wie fühlt sich das an?“, frage ich das Nashorn.
Paula fühlt in sich hinein: „Das ist ok.“
„Was hast du dem Tiger denn abgenommen?“
Es ist das Alleinsein und die Trägheit. Das Nashorn schlägt vor, das Alleinsein unter Leute zu bringen. Die Trägheit könnte einen Spaziergang im Park gebrauchen.

Und was sagt Paulas innere Trägheit zu der Lösung?

Paula wechselt noch einmal die Position. Diesmal fühlt sie sich in die Trägheit ein und versucht herauszufinden, was diese dazu denkt. Die Trägheit kann sich vorstellen heute durch die Kleingärten zu spazieren. Das Nashorn kann sich darauf gut einlassen und ist erleichtert, dass es etwas tun kann, auf das sich die Trägheit gut einlassen kann.

Was war hilfreich an der gemachten Erfahrung?

Im Nachgespräch stellen wir fest, dass es hilfreich sein könnte, die Schwere in kleinere Teile zu zerlegen, genau zu gucken, was sich dahinter verbirgt, wie eben Alleinsein, Angst vor der Zukunft, etc.. Paula beschließt zuhause ein paar Steine, die sie sich aus dem letzen Urlaub mitgebracht hat, mit ihren Themen zu benennen. Sie möchte ihnen dann einen guten Ort suchen. Zum Beispiel eine schöne Schale oder ein Tuch, und sich dann nacheinander immer jeweils nur um eine der Lasten kümmern. Dadurch fühlt sich die Schwere nicht mehr wie etwas an, dem sie ausgeliefert ist. Paula hat nun eine konkrete Idee, was sie tun kann, wenn sie sich wieder so übermannt fühlt. Das Konkrete macht es handhabbar.

Mitgefühl für sich selber entwickeln

Dieser Dialog der inneren Anteile hat gezeigt, was sich hinter dem Gefühl der Schwere verbirgt. In diesem Falle: Gefühle von Alleinsein, von Trägheit, Trauer, Angst und Unsicherheit. Als Gesamtpaket wirkt es lähmend und der Tiger kann sich der Schwere nicht entziehen, auch wenn das Nashorn noch so sehr motivieren möchte. Das Aufschlüsseln und zerlegen fördert schließlich Lösungsideen zutage, die Paula für sich umsetzen kann. Und sie versteht jetzt genauer, warum es im Moment so schwierig für sie ist, sich zu motivieren. In diesen Momenten kann sie nun auch ein Stückchen mehr Mitgefühl für sich selber entwickeln. Die Abwärtsspirale, sich dafür dann auch noch abzuwerten, kann so unterbrochen werden.

Die Integration

Wichtig bei so einer Arbeitsweise ist es, dem wahrhaftigen innerem Empfinden zu folgen. Der Kopf (Neokortex) hat oft Ideen, versteht aber nicht weshalb diese nicht umsetzbar sind. Erst wenn das ganze Empfinden mit hineingenommen wird, entsteht mehr Klarheit.
Es geht hier also nicht um ein Theater- oder Rollenspiel, sondern um echtes Einfühlen in eigene innere Anteile. Dazu ist es wichtig rechtshänisphärisch zu arbeiten. Die Quelle für die Erkenntnis ist zu diesem Zeitpunkt nicht der Intellekt, sondern unser ganzheitliches Empfinden. Nicht die linke Gehirnhälfte mit ihren Fähigkeiten für Sprache, Logik und analytisches Denken ist in diesem Moment gefragt. Die rechte Gehirnhälfte, die für Körpersprache, für Bilder, Gefühle, Kreativität und Neugierde zuständig ist, führt zu ganzheitlichen Lösungen. Da wir mehr sind als Intellekt, hilft uns die ganzheitliche Erforschung des Konfliktes hier besser weiter.
Das anschließende intellektuelle Verständnis führt zu einer Integration.

Integrieren von Denken und Fühlen  - zusammenführen des Intellekt mit dem Gesamtempfinden. Alles ist gemeinsam wichtig.

Wenn du Lust bekommen hast, deine eigenen Erfahrungen mit meiner Unterstützung zu machen, dann komm doch einfach zu einem Vorgespräch.

Ich freue mich auf dich!

 

anne

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Anne Schricker | Heilpraktikerin für Psychotherapie / 040 31 81 43 23 / info@anne-schricker.de